Jahresberichte
Jahresbericht 2007
Nächste Hilfe: Bahnhofsmission
Fast 40.000 Mal suchten Menschen im Jahr 2007 die Bahnhofsmission Würzburg auf und baten um Hilfe. Für die Mitarbeiter der Einrichtung sind das mehr als 100 Hilfekontakte pro Tag mit Menschen, die, an der Grenze ihrer Möglichkeiten angekommen, auf Unterstützung hoffen. Hilfesuchende oft ohne Fahrschein aber mit schwerem Gepäck. Für sie ist Bahnhofsmission erste Anlaufstelle oder Endstation nach vielfach erfolglosen Anstrengungen. In jedem Fall: Nächste Hilfe.
Helfen ist (nicht immer) schwer
Was kann Bahnhofsmission tun, was braucht es, dass Hilfe gelingt? Ist dies in der beziffernden Größenordnung überhaupt leistbar? Dazu der Erfahrungsbericht eines freiwilligen Mitarbeiters der Würzburger Bahnhofsmission: „...ich arbeite ehrenamtlich in der Bahnhofsmission. Das war nicht immer so. Erst vor knapp drei Jahren kam ich dazu, und ich blieb. Seitdem begegne ich Menschen, die zu den Schwachen oder gar Aussätzigen unserer Gesellschaft zählen. Es sind dies die sozial Benachteiligten, Menschen am Ende, ohne Wohnung, ohne Arbeit, mit Alkohol- und Drogenproblemen, gefangen im Gefängnis ihrer Süchte, Frauen mit demütigenden Gewalterfahrungen, Menschen in Beziehungskonflikten, mit psychischen Problemen und Erkrankungen, krank an Leib und Seele, ein Knäuel von Irrungen, Ängsten, Enttäuschungen, Sehnsüchten und Verzweiflung, ein Haufen Unrat und Elend. Sie alle kommen zu uns, stehen auf der Schwelle, kommen herein, sehnen sich nach ein wenig Aufmerksamkeit, Verständnis, Achtsamkeit, Geborgenheit und Wertschätzung. Eine Tasse Tee an der Theke ist immer drin, schafft Atmosphäre, Gesprächsbereitschaft, weckt Zutrauen – Aber was rede ich mit einem solchen Menschen? Kann ich mit einem Mann ohne festen Wohnsitz über einen gemütlichen Feierabend reden? Oder mit einem Alkoholiker darüber, wie er Struktur in seinen Tag bringen könnte? Mit der geschlagenen Frau über Liebe, Fürsorge und Zärtlichkeit? Sprachlosigkeit angesichts von Leid, Chaos und schwerer seelischer Wunden war etwas, was mich beunruhigte, mich umtrieb und mich auch heute noch gelegentlich lähmt, mir den Atem verschlägt. Und doch war da ein Ereignis – neben vielen anderen -, das ich gerne erzähle, weil mein Herz davon voll ist; es stellt eine Erfahrung dar, die mich prägte: „Es hämmert an der Türe der Bahnhofsmission, sie fliegt auf, ein Mann torkelt herein, die Augen blutunterlaufen; er schreit, tobt, weint, lallt – fuchtelt mit den Fäusten, schlägt mit dem Kopf gegen die Wand – eine bedrohliche Situation, namenlose Verzweiflung. Schließlich sackt er zu Boden und kauert zwischen den Türpfosten – ein Haufen Dreck und Elend. Er schluchzt und schreit es hinaus: „Meine Freundin hat mich verlassen!“ Ich nicke und sage: “Es tut sehr weh, einen lieben Menschen zu verlieren.“ Erst ist er stumm, der Strom der Tränen versiegt, dann streckt er mir die Hand hin, sagt Danke, steht schließlich auf und geht ...“ Ich war verblüfft, dann berührt, endlich tief betroffen: Gehörte so wenig dazu, einen gequälten Menschen zu trösten? Vor drei Jahren kam ich zur Bahnhofsmission, und ich bin geblieben. Sie wissen warum.“
Hilfe braucht Vertrauen
Eine erfolgreiche soziale Dienstleistung setzt das Vertrauen ihres Empfängers voraus. Erst recht die Hilfeleistung an der Schnittstelle von schierer Hoffnungslosigkeit und möglichem Neuanfang. Umgekehrt zeigt Hilfe besonders Wirkung, wenn der Dienstleistende Vertrauen hat in die Bereitschaft und die Fähigkeiten des Hilfesuchenden, sein Leben zu gestalten. Für die Mitarbeiter der Bahnhofsmission sind deshalb das Interesse an der Situation des Klienten, die Wahrnehmung seiner Bedürfnisse und Interessen, die erkennbare Wertschätzung seiner Person und Geschichte die Tür zu gelingendem Helfen. Mehr als andernorts nimmt Hilfe bei der Bahnhofsmission in der Beziehungs- und Vertrauensarbeit ihren Anfang. Wo Menschen in Kenntnis bestehender Hilfeeinrichtungen mögliche Verbesserungen ihrer Lebenssituation in Frage stellen – dies ist bei einem Großteil unserer Besucher der Fall -, bedarf es oft einiger Begegnungen bis ein Hilfeprozess (mit Problemanalyse und Ziel-Mittelplanung) sichtbar in Gang kommt. Bahnhofsmission versteht sich auch deshalb als niederschwellige Einrichtung professioneller Sozialarbeit. Oder anders: Bahnhofsmission will Hilfe erreichbar und annehmbar machen, wo Hilfe gebraucht wird. Bahnhofsmission hilft jedem. Unbürokratisch und sofort. Ohne Anmeldung. Ohne Vorraussetzung. Gratis. In Würzburg 24 Stunden täglich.
Hilfe braucht Vielfalt
Bahnhofsmission ist Hilfestation für alle Menschen im Großraum Bahnhof. Egal mit welchen Schwierigkeiten und Anliegen jemand zu den Mitarbeitern kommt. Die Nöte unserer Klientel sind daher vielfältig – unser Hilfeangebot allerdings auch, wie z. B.: Kontaktaufnahme innerhalb und außerhalb unserer Räume, Erstberatung über existenzsichernde Maßnahmen und soziale Leistungen, Information über bestehende Hilfequellen des sozialen Netzes und deren Nutzung, Übernachtung und Schutzraum für Frauen und Kinder, Krisengespräche zur Stabilisierung der aktuellen persönlichen Situation, auf
Hilfe braucht Vernetzung
In Anbetracht der Vielzahl von Hilfesuchenden ist wirksame Hilfe im Alleingang nicht möglich. Um Hilfe bedarfsgerecht anbieten zu können, arbeitet die Bahnhofsmission eng zusammen mit spezialisierten Fachdiensten der Sozialarbeit und Behörden. Durch die enge Vernetzung mit anderen Einrichtungen, insbesondere der Jugendhilfe, der Wohnungslosenhilfe, die Kooperation mit Frauenhäusern und psychosozialen Beratungsstellen, mit Konsulaten und Diensten für Menschen mit Migrationshintergrund, kann Hilfe gleichermaßen früh und wirkungsvoll einsetzen. Ausdrückliche Erwähnung verdient hier die Unterstützung durch die Würzburger Straßenambulanz, die in Bruder Tobias (Franziskanerminorit) zweimal wöchentlich in der Bahnhofsmission tätig ist.
Hilfe braucht (viele) Helfer
Klar, dass die außergewöhnlichen Öffnungszeiten der BM eine große Anzahl an Personal erfordert. So waren 2007 insgesamt 40 haupt-, nebenberufliche und ehrenamtliche Mitarbeiter in der Bahnhofsmission Würzburg tätig. Davon 20 Ehrenamtliche mit großem Interesse, Engagement und viel Kreativität. Hilfe lebt in der Tat von Helferinnen und Helfern! Ebenso bedeutsam für die Arbeit der Bahnhofsmission sind die vielen Helfern von außerhalb, die unsere Einrichtung im vergangenen Jahr als Spender (Krick-Stiftung, Reinfurt-Stiftung, Lions Club Würzburg-West, Inner Wheel sowie zahlreiche andere Vereinigungen, Kirchengemeinden und Privatpersonen), Staatsanwälte und Richter mit – sage und schreibe! – über 70.000,- Euro unterstützt haben. 30.000, Euro davon übergab der Leitende Oberstaatsanwalt Clemens Lückemann der Bahnhofsmission in Anerkennung ihrer Arbeit im Sinne des Opferschutzes und der Prävention von Straftaten. Ihnen allen ein herzliches Danke und Vergelt`s Gott. Das gibt unserer Arbeit Zukunft!
Mit über 40 Informations- und Kulturveranstaltungen versuchten die Mitarbeiter der Bahnhofsmission darüber hinaus Bürgerinnen und Bürger für unser Bemühen um Menschen in oft bedrohlicher Not zu gewinnen: durch die Gestaltung des Versöhnungsweges mit dem Nagelkreuz am 16. März, die Benefiztage im Franziskanerkloster Würzburg im Mai, die Teilnahme am Aktionsstand der Bahnhofsmissionen in Deutschland auf dem Evangelischen Kirchentag in Köln (Juni 2007), das Musical „Sister action“ im Oktober, das Sunrise-Konzert im Hauptbahnhof am 07. Dezember 2007 u.a.m.
Eine besondere Erfahrung war für die Bahnhofsmission die Teilnahme an der Aktion Rollentausch. Frau OB Dr. Pia Beckmann und Herr Claus Bolza-Schünemann (stellvertr. Vorstandsvorsitzender der Koenig & Bauer AG) wurden Mitarbeiterin und Mitarbeiter der Bahnhofsmission auf Zeit und waren von der Begegnung mit unseren Besuchern berührt.
Ohne Hilfe geht ist nicht! (Statistik, Fakten, Trends)
Wie wichtig für Betroffene die Hilfe der Bahnhofsmission ist, veranschaulichen die Kontaktzahlen des vergangenen Jahres. Insgesamt 39.824 Mal (im Jahr 2006: 36.290) suchten Menschen Hilfe in der Bahnhofsmission. 93.540 Einzelleistungen (2006: 84.187) haben unsere Besucher erhalten, u.a. 4.956 (2006: 3.258) Kriseninterventionen, Beratungen und Gespräche, 2.358 (2006: 2.121) Vermittlungen an andere Einrichtungen und über 21.549 (2006: 19.264) Notverpflegungen. Im Mittelpunkt der Arbeit stehen Menschen, die unter besonderen sozialen und/oder psychischen Notlagen leiden, mit insgesamt 29.235 (2006: 26.644) Kontakten. Die vorliegenden Zahlen sprechen dafür, dass materielle Armut in unserem Gemeinwesen zunimmt. Offensichtlich kann unsere Sozialgesetzgebung dem Einzelnen keinen ausreichenden Schutz mehr bieten. Zusätzlich anfallende Ausgaben aufgrund der Gesundheitsreform, gestiegener Energiekosten, der allgemeinen Teuerung und das unumgängliche Aufzehren finanzieller Rücklagen und Sicherheiten machen vielen, immer mehr auch Familien und älteren Menschen zu schaffen. Menschen mit gebrochener Berufsbiographie, erst recht ohne abgeschlossene berufliche Ausbildung haben so gut wie keine Chance auf dem ersten Arbeitsmarkt. Anhaltende Not ohne Aussicht auf Linderung verursachen jedoch Selbstzweifel und Isolation. Es wundert daher nicht, dass die Bahnhofsmission seit Jahren mit einer steigenden Zahl von Hilfesuchenden konfrontiert ist, bei denen die sich andauernde Perspektivlosigkeit in der psychischen und physischen Verfassung manifestiert. Sie bedürfen schon jetzt einer höheren sozialarbeiterischen Aufmerksamkeit.
Lindner-Jung, 10. Februar 2008
Jahresbericht 2008 der Bahnhofsmission Würzburg
Wenn das Leben entgleist…
Mehr als 34.000 Mal kamen Menschen im Jahr 2008 zur Würzburger
Abstellgleise gibt es nicht - 110 Jahre Bahnhofsmission Würzburg
Die Bahnhofsmission bietet all’ jenen ihre Unterstützung an, die noch nicht wissen, an wen sie sich wenden können. Gleichzeitig ist sie Anlaufstelle für Menschen, die bislang keine ausreichende Hilfe für sich finden konnten. Den einzelnen Hilfesuchenden unterstützt sie bei der Suche, wie es trotz schwieriger Ausgangslage weiter gehen kann und leistet damit eine wichtige Clearingfunktion. Im sozialen Netzwerk übernimmt sie die bedeutende seismographische Aufgabe, soziale Verwerfungen und Bedarfslagen frühzeitig zu benennen, um darauf im Sinne der Betroffenen möglichst zeitnah angemessen reagieren zu können. Das dokumentiert nicht zuletzt die inzwischen 110-jährige Geschichte der Ökumenischen Bahnhofsmission Würzburg (hier in wenigen Auszügen) und ihre Entstehung:
1899 Deutschland vor der Jahrhundertwende: Die Industrialisierung treibt immer mehr arbeitslose Menschen vom Land in die Städte. Junge Frauen, oft ohne Geld und Gepäck, geraten dabei unter die Räder. Sie werden am Bahnhof mit falschen Versprechungen angeworben und landen nicht selten in der Prostitution. Christlich motivierte Bürgerinnen schließen sich daraufhin zusammen. Sie unterstützen und begleiten die ankommenden Mädchen, bis sie eine menschenwürdige Arbeit und Wohnung finden.
1947 Das Massenelend der Nachkriegszeit erreicht seinen Höhepunkt: Die
1964 Rentnerinnen und Rentner aus der DDR dürfen zum ersten Mal bis zu vier Wochen ihre Verwandten im Westen besuchen. Die Sonderzüge kommen meist nachts. Die Bahnhofsmission verstärkt ihren Nachtdienst.
1990 Die Mauer fällt. Der Freude folgt die Ernüchterung. Immer mehr Ostdeutsche strömen nach Westen auf der Suche nach einer neuen Erwerbsmöglichkeit, vor allem Frauen und junge Leute. Nicht wenige lassen ihr Hab und Gut zurück und stehen ohne Wohnung und Arbeit unvermittelt vor dem Nichts. Die
1996 Sozialer Brennpunkt Bahnhof. Schnell wächst die Gruppe der Personen mit immer längeren Zeiten gesellschaftlicher Ausgrenzung (langzeitarbeitslose, -mittellose, -wohnungslose Menschen) Die Zahl der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen am Bahnhof nimmt dramatisch zu: von den Eltern vor die Tür gesetzt, verstrickt in Drogen und Hehlergeschäfte, vereinzelt aktiv in der Prostitution. Die Erfahrungen der Bahnhofsmission tragen entscheidend zur Finanzierung einer Straßensozialarbeiterstelle durch Stadt und Landkreis Würzburg bei. Im Sommer des Jahres nehmen die Streetworker ihre Arbeit am Würzburger Hauptbahnhof auf.
2004 Wer in Armut lebt und wesentliche gesellschaftliche Sicherheiten verloren hat, wird häufiger krank. Mangelerscheinungen und Stresserkrankungen, Herz-Kreislauf-Schwäche, Erkrankungen der Verdauungs- und Atmungsorgane sind Wegbegleiter vieler wohnungsloser Menschen. Den Weg zum Arzt finden trotzdem nur wenige. Gemeinsam mit den Würzburger Franziskanerminoriten, der Wärmestube der Christophorusgesellschaft und dem Arbeitskreis „Menschen ohne Wohnung“ gelingt es im Frühjahr eine Straßenambulanz einzurichten. Zweimal wöchentlich schlägt Bruder Tobias seither in der
2008 Die innovative Arbeit der Bahnhofsmission in Würzburg und Bayern, ihre Fähigkeit, sich vor Ort schnell und flexibel auf veränderte gesellschaftliche Bedarfslagen einzustellen, wird vom bayerischen Staat gewürdigt. Im November des Jahres erhalten die bayerischen Bahnhofsmissionen den Sozialpreis der Bayerischen Landesstiftung überreicht.
Jeder braucht manchmal Hilfe - Bahnhofsmission in Zahlen
Bundesweit wird die Arbeit der
Gemeinsam ist besser als einsam
Unsere Arbeit gewinnt und lebt davon, dass sich Bürgerinnen und Bürger mit der Not anderer befassen, sich berühren lassen und sich an der Beseitigung der Notsituation beteiligen. Umso mehr fühlen sich die Mitarbeitenden der Bahnhofsmission ermutigt vom großen öffentlichen Interesse an ihrer Arbeit und dem, was sie bewegt.
Erfahrbar war dies bereits Anfang des Jahres in der Phase des Umzugs in neue Räume. In rekordverdächtiger Zeit ist es mit viel Unterstützung des Bahnhofsmanagements, der Verantwortlichen der Christophorusgesellschaft, Handwerkerfirmen, Künstlern und nicht zuletzt großzügiger Geldgeber gelungen, dass wir seit Februar unseren Gästen neue, wesentlich größere, helle, farbenfrohe Räume anbieten können. „Ein Platz, an dem immer die Sonne scheint“, beschreibt sie eine Besucherin. Am 29. Februar 2008 wird in Anwesenheit von mehr als 100 Vertretern und Prominenten aus Politik, Kirche und Gesellschaft unter dem Leitsatz „Wo der Himmel die Erde berührt“ die
Betroffenheit und rege Teilnahme an den Erfahrungen unserer Arbeit zeigten die Teilnehmer von über 40 Informationsveranstaltungen, liturgischen Feiern und Festen: mit Kindergärten und Schulen, Kommunionkindern, Firmlingen, Konfirmanden und in Erwachsenenkreisen; während der zweitägigen Benefiztage im schönen Franziskanerkloster und unserem alljährlichen vorweihnachtlich fröhlichen Dezemberkonzert mit der Band Sunrise im Hauptbahnhof.
Ein richtungweisender, sichtbarer Beweis bürgerschaftlichen Engagements: „…dass wir gemeinsam in der Tat mehr erreichen können“, sind zweifellos auch unsere Ehrenamtlichen; 20 an der Zahl, die mit ihrer Zeit, ihrem Wissen, ihrer Person gemeinsam mit den Professionellen dafür Sorge tragen, dass Menschen in Not am Hauptbahnhof zu jeder Zeit kompetente Helfer finden; Mitmenschen, die ihnen die nötige Aufmerksamkeit schenken, wohlwollend zuhören, bei der Suche nach Lösungen unterstützen können und beistehen, wo schon die ersten Schritte eines möglicherweise langen Weges offensichtlich besonders schwer fallen. Sollten Sie, liebe Leserin, lieber Leser, solcherart Einsatz für Menschen, einer Tätigkeit mit großem Herzen und klarem Verstand persönliche Bedeutung beimessen, sind Sie uns sehr herzlich Willkommen. Bitte zögern Sie nicht!
Da Spenderinnen und Spender für unsere Einrichtung so wichtig sind, sei hier an sie besonders gedacht. Sie waren entscheidend daran beteiligt, dass unsere Einrichtung auch im Jahr 2008 an einem der wichtigsten sozialen Brennpunkte der Stadt 24 Stunden täglich für Menschen in Not erreichbar war. Ihnen allen von Herzen danke und Vergelt’s Gott.
lindner-jung/ April 09
Jahresbericht 2009 der Bahnhofsmission Würzburg (Text)
„Ihr habt mir ein Stück meiner Würde zurück gegeben.“
Unter allen Weihnachtsbriefen in 2009 haben uns diese Zeilen eines Besuchers unserer Einrichtung besonders berührt; die Rückmeldung eines Mannes, der in seiner Herkunftsfamilie, wie er schreibt, keine Erziehung, aber viel Gewalt erlebt hat. Heute ist er Mitte 40. Bereits als Jugendlicher wird er selbst gewalttätig und kriminell. Im Lauf seiner Geschichte verliert er jegliche Achtung vor Staat, Gesellschaft und Kirche, allem Etablierten, weil er auch in existentieller Not niemand findet, der für ihn einsteht. „Sie haben mich allein gelassen, isoliert, abgeschrieben.“
Zugegeben, es ist nicht immer ganz einfach im Umgang miteinander. Manchmal werden Mitarbeiter selbst zur Zielscheibe von Enttäuschung, Ärger und Wut unserer Gäste. Manchmal scheint die Entfernung zwischen den Besuchererwartungen – wie schnell und in welchem Umfang Hilfe erfolgen soll – und unseren eigenen Möglichkeiten schier unüberbrückbar. Was wir dem, der nach Hilfe fragt, gleichwohl immer entgegenbringen können, ist Interesse an seiner Situation; Akzeptanz, weil es so ist, wie es ist; Respekt und bedingungslose Wertschätzung. Wo dies so bei unseren Besuchern ankommt, entsteht nicht selten die Basis, auf der wir in gemeinsamer Arbeit miteinander neue Perspektiven schaffen.
Tatsächlich versteht sich die Bahnhofsmission als niederschwelliges Hilfeangebot für alle Menschen, Reiche und Arme, Faule und Fleißige, Angenehme und Anstrengende, Erfolgreiche und Verlierer. Keiner ist uns gleich! Unsere Dienstleistung steht allen zur Verfügung, denen die eigene Lebenssituation über den Kopf wächst. Tag und Nacht. Egal, ob jemand in einer schweren Beziehungskrise oder in wirtschaftlicher Not zu uns kommt. Egal, ob er psychisch leidet oder sich körperlich schwach fühlt. Unsere Hilfe hängt nicht davon ab, ob jemand als Flüchtling bei uns Schutz sucht oder als jemand, der in unserem eigenen Land heimatlos geworden ist. Viele unserer Besucher tragen ein ganzes Problembündel mit sich, in dem wirtschaftliche Notlagen mit gesundheitlichen, psychosozialen und/oder existentiellen Problemen verflochten sind. Hier liegen das besondere Augenmerk der Bahnhofsmission und auch ihre Stärke. Dass sie Hilfe schnell und unbürokratisch zur Verfügung stellt und selbst dann noch Menschen erreicht, die in die Veränderung ihres Lebens nicht mehr investieren weil Ihnen die Hürden des täglichen Lebens unüberwindbar scheinen.
Bahnhofsmission in Zahlen
Wie wichtig für Betroffene diese Einrichtung am Bahnhof ist, veranschaulichen auch die Kontaktzahlen des vergangenen Jahres. Insgesamt 37.118 Mal (im Vergleich zum Jahr 2008: plus 8,7%) suchten Menschen Hilfe bei der Bahnhofsmission - das sind mehr als 100 Kontakte pro Tag. Die Gruppe hilfesuchender Frauen (14.810 Kontakte) nahm stärker zu (plus 13,9%) als die der Männer (22.308 Kontakte; plus 5,4%). Ältere Personen über 65 Jahre suchten häufiger die Bahnhofsmission auf (2.463 Kontakte; plus 18%). Mehr als 97.000 Einzelleistungen (plus 41,4%) haben unsere Besucher erhalten, unter anderem 4.090 Kriseninterventionen und Beratungen, 12.343 Gespräche und Auskünfte, 3.037 Vermittlungen an andere Einrichtungen, 2.067 Reisehilfen und über 25.000 materielle Hilfen, Verpflegungen und Getränke.
Die meisten unserer Besucher befanden sich in prekären sozialen und psychischen Notlagen (ca. 85% aller Hilfesuchenden). Immer wieder konnten wir beobachten, wie materielle Armut die persönlichen Entwicklungs- und Handlungsmöglichkeiten der Betroffenen nach und nach reduziert. Täglich erlebte Not, Defizite, die nicht erfolgreich bearbeitet werden können, verursachen Selbstzweifel, Angst, große Verletzbarkeit und Isolation. 4978 Personenkontakte zu Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Krisen dokumentiert denn auch die Statistik der Bahnhofsmission im Jahr 2009 (plus 7,6% gegenüber 2008) und schreibt damit den ansteigenden Trend vergangener Jahre fort. Eine weitere Entwicklung, mit der wir in den kommenden Jahren rechnen müssen, ist die Zunahme von Menschen mit Migrationshintergrund (3.678 Kontakte; plus 228,4%). In der Bahnhofsmission geht es hier zuallererst um Bürger aus den neuen EU-Staaten, die in ihren Heimatländern oft selbst ohne sichere wirtschaftliche Existenz dem Glücksversprechen des Westens folgend ohne Plan und ohne einen Cent in der Tasche bei uns um Unterstützung anfragen.
„Wenn einer für den anderen einsteht…“ - Bürgerbeteiligung macht stark
Im Bemühen um Mitmenschen, die ihre Verankerung in unserer Gesellschaft zu verlieren drohen, braucht Bahnhohnhofsmission Bürgerinnen und Bürger, die sich von der Not anderer berühren lassen und Halt geben. Was Bürgerengagement leisten kann, zeigen 20 Ehrenamtliche am Hauptbahnhof. Sie bauen Brücken, ermutigen die Ankommenden, verstärken die Arbeit der Hauptberuflichen und tragen entscheidend dazu bei, dass Menschen in Not am Hauptbahnhof zu jeder Zeit kompetente Helfer finden. Ernstzunehmende Hoffnungszeichen für Besucher und Mitarbeiter unserer Einrichtung geben zudem viele Spender und der Förderverein der Bahnhofsmission, die den Fortbestand unseres Dienstes sichern helfen. Ihnen allen ein herzliches Vergelt’s Gott. Ermutigend ist für uns nicht zuletzt das große Interesse der Teilnehmer von über 40 Informationsveranstaltungen, liturgischen Feiern und Festen mit Kindergärten und Schulen, Kommunionkindern, Konfirmanden, Firmlingen und in Erwachsenenkreisen, während der zweitägigen Benefiztage im Würzburger Franziskanerkloster, beim traditionellen Dezemberkonzert in der Bahnhofshalle und am Christophorustag im Juli 2009 mit der Botschaft: Wo es uns gelingt, Menschen anzunehmen, nicht ihres Aussehens, nicht ihrer gesellschaftlichen Stellung, nicht ihrer Leistung oder Leistungsfähigkeit wegen, sondern um ihres Menschseins und der Liebe Gottes willen, da ereignet sich in der Tat Kirche!
lindner-jung/ Februar 09
Jahresbericht 2010 der Bahnhofsmission Würzburg
Wer das Ziel nicht kennt, kann den Weg nicht finden
Anhaltende Not ohne Aussicht auf Besserung verursacht Selbstzweifel und Resignation. Immer häufiger begegnet die Würzburger Bahnhofsmission Hilfesuchenden, die keinen Ausweg für sich sehen. Viele von ihnen sind ohne Arbeit, ohne Wohnung, sind suchtgefährdet oder krank, zehren von Arbeitslosengeld-II oder einer kleiner Rente. Viele Menschen leiden unter psychischen Belastungen, leben in konfliktreichen Beziehungsverhältnissen oder haben einen Migrationshintergrund, der ihnen die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben erschwert. Viele wollen nicht mehr über ihre Situation sprechen, geschweige denn, daran arbeiten. Auch nicht mit der sympathischen Bahnhofsmissionsmitarbeiterin. Sie möchten nicht mehr den beschwerlichen Weg der gedanklichen Konfrontation mit verletzenden Erfahrungen der Vergangenheit und der eigenen Unzulänglichkeit zurück gehen müssen. Und ein möglicher Weg hinaus ins unbekannte Neue, der bekanntlich mit dem ersten Schritt beginnt, kennt kein Ziel, das erstrebenswert und gleichzeitig für sie erreichbar scheint. Heißt das, dass viele unserer Besucher keine Ziele mehr haben? Vielleicht ja, aber sie haben Wünsche, eine Menge Wünsche. Ein schuldenfreies Leben, eine Arbeitsstelle mit gutem Einkommen, Gesundheit, soziale Anerkennung, eine harmonische Beziehung, am liebsten mit Familie, in einer schönen Eigentumswohnung. Genau genommen Wünsche, Sehnsüchte, die wir mit unseren Besuchern teilen. Nur mit dem Unterschied, dass sie im Bemühen darum öfter gescheitert sind. Wünsche liegen eben oft auch außerhalb der persönlichen Reichweite. Manchmal sind es die eigenen, manchmal aber auch die von anderen übertragenen Wunschvorstellungen, die nur das Beste wollen.
Nur wer ein Ziel hat, kann auch Erfolg haben
Im Unterschied zu Wünschen sind echte Ziele immer Ergebnis dessen, was einem selbst wirklich wichtig ist. Ziele sind sehr konkret und – das ist entscheidend – sie liegen in der Hand des Betroffenen. Als Mitarbeiter der Bahnhofsmission haben wir in vielen Begegnungen gelernt, dass die Ziele unserer Besucher sehr unterschiedlich ausfallen können und ebenso die individuellen Erfolge. Es ist natürlich ein beachtenswerter Erfolg, wenn eine Person, die vor einigen Monaten ihre Arbeit verloren hat, nach intensiven Bemühungen in derselben Branche eine neue Erwerbsstelle findet. Ebenso erfolgreich ist aber auch der Mann, der seit Jahren auf der Straße erkennbar verwahrloste und jetzt, weiter auf der Straße lebend, sich selbst neu organisiert, Hilfestellen in Anspruch nimmt, ggf. nur noch kontrolliert trinkt, sein Äußeres und seine Gesundheit pflegt und sich dabei auch noch besser fühlt. Was (s)ein Ziel ist, kann tatsächlich nur jemand selbst für sich definieren. Was ein Erfolg ist, übrigens auch. Als Helfer und Berater können wir jemand bestenfalls darin bestärken.
Die Chancen einer ressourcen- und sozialraumorientierten Sozialarbeit am
Hauptbahnhof
Als niederschwelliges Angebot professioneller Sozialarbeit erreicht Bahnhofsmission auch Personen in schwierigen Lebenslagen, die sich aus dem sozialen Netz örtlicher Hilfestellen weitgehend verabschiedet haben. Dass diese Menschen dennoch bei uns ankommen, erleichtert eine tägliche 24-Stunden-Öffnungszeit – wenn alle anderen Sozialdienste bereits geschlossen haben - an einem verkehrstechnisch optimal angebundenen Ort. Es liegt aber sicher vor allem daran, dass Hilfesuchende für einen Kontakt mit der Bahnhofsmission keinen Termin brauchen, dass jemand reden kann oder nicht, dass er entscheidet, ob sich dem Mitarbeiter anvertraut oder nicht. Und wenn er es tut, in welchem Umfang und mit welchem Anliegen. Dieses wichtige Prinzip unserer Arbeit, demnach die Hilfesuchenden Dauer und Inhalt der Kontakte wesentlich bestimmen, scheint uns mehr und mehr der Schlüssel zu vielen unserer Besucher. Insbesondere dann, wenn sie nicht mehr an eine Besserung der Lebenslage glauben, weil ihnen die eigene Situation aussichtlos über den Kopf gewachsen ist. Ihr vorhandenes persönliches Lebenskonzept passt nicht in die vorhandene Umgebung. Hier setzt die Arbeit der Bahnhofsmission an, in der es nicht zuerst darum geht, jemand fit zu machen, damit er in seinem Umfeld endlich wieder funktioniert. Unsere ressourcen- und sozialraumorientierte Ausrichtung hat die Wünsche des Betroffenen im Blick, die ihm wirklich wichtig sind. So wichtig, dass er investiert und sich persönlich erreichbare Ziele steckt. Sie lenkt den Blick auf die individuellen, sozialen und institutionellen Ressourcen des einzelnen, mit denen er sein Leben in die Hand nehmen und seinen Lebensraum – wie groß oder klein der auch ausfällt – mitgestalten kann. Für die Bahnhofsmission und ihre Mitarbeitenden sind ressourcen- und sozialraumorientierte Denk- und Arbeitsprinzipien maßgeschneidert und ihre praktische Weiterentwicklung als vielversprechende Lösungsperspektive bereits fest im Masterplan 2011 verankert.
Jeder braucht manchmal Hilfe - Bahnhofsmission in Zahlen
Fast 40.000 Mal (im Jahr 2009: 37.118) suchten Menschen Hilfe in der Bahnhofsmission. Auffällig häufig waren unsere Besucher von finanziellen (24.890 Kontakte gegenüber 2009: 22.058 Kontakte) und besonderen sozialen Schwierigkeiten (26.056 gegenüber 2009: 25.829) betroffen. In vielen Fällen leiden die Menschen unter psychischen Krisen und Erkrankungen (5.683 gegenüber 2009: 4.978) oder körperlichen Krankheiten (1.877 gegenüber 2009: 1.538). 2.233 Mal handelte es sich um Reisende (2009: 2.570), 2.152 Mal um Menschen mit einer Behinderung (2009: 1.939). Neben seit Jahren steigenden Kontaktzahlen von Besuchern mit psychischen Handicaps nimmt auch die Gruppe der Personen mit Migrationshintergrund jährlich deutlich zu (4.687 gegenüber 2009: 3.678). Ähnliche Steigerungsraten erkennen wir bei Menschen über 65 Jahren in finanziellen und sozialen Notlagen (2.098 Kontakte gegenüber 2009: 1.402). In gut 30.000 Fällen nutzten die aufgeführten Personen die Bahnhofsmission als Aufenthaltsort, über 14.000 Mal als Gesprächsangebot, in 465 Situationen als Kriseninterventionsstelle. 25.022 materielle Leistungen nahmen Hilfesuchende in Anspruch, zuallererst die Verpflegung mit Lebensmitteln, aber auch Schlafsäcke, Decken oder Hygienemittel. Die vorliegenden Zahlen sprechen dafür, dass materielle Armut in unserem Gemeinwesen weiter zunimmt, nicht selten gepaart mit markanten psychosozialen Belastungsmomenten.
Jeder braucht manchmal Hilfe – wir auch
„Mensch braucht Mensch“ lautete das Motto einer Ausstellung der Bahnhofsmission in der Würzburger Stadtbücherei (19. Nov. bis 17. Dez. 2010). Will sagen: Wir am Hauptbahnhof brauchen Frauen und Männer, die sich mit der Not anderer befassen und sich berühren lassen. Erst recht, weil es bei vielen unserer Hilfesuchenden um Menschen geht, die in der Öffentlichkeit keinen Platz mehr finden. Auf der Suche nach Bürgerinnen und Bürgern, die Linderung von Not zu ihrem Anliegen machen, informierten wir im vergangenen Jahr in über 40 Veranstaltungen über unsere Arbeit. In ebenso vielen Publikationen (Presse, Rundfunk, Fernsehen) haben wir versucht Öffentlichkeit an unseren Erfahrungen teilnehmen zu lassen. Es ermutigt uns, dass wir auf diesem Weg tatsächlich Menschen finden, die sich erkennbar mit uns verbunden wissen. Besonders dankbar sind wir für das erfahrene bürgerschaftliche Engagement in unserer Einrichtung. Mit über 4.500 Stunden haben unsere Ehrenamtlichen zusammen mit den haupt- und nebenberuflich Angestellten wesentlich dazu beigetragen, dass Bahnhofsmission für alle Hilfesuchenden täglich 24 Stunden erreichbar bleibt.
lindner-jung/ 18.01.11
