Konzeption
Konzeption der Würzburger Bahnhofsmission
1. Selbstverständnis
Die ökumenische Bahnhofsmission (BM) Würzburg versteht sich als offene Anlaufstelle für alle Menschen, die auf Unterstützung angewiesen sind und sich im Bereich des Bahnhofs aufhalten.
Aus diesem Verständnis heraus ergeben sich für die BM zwei Tätigkeitsschwerpunkte
· die Betreuung von Personen mit Schwierigkeiten im Reiseverkehr,
· die Arbeit mit gefährdeten und benachteiligten Menschen am sozialen Brennpunkt Bahnhof.
Als offene Anlaufstelle unterscheidet sich die BM von sozialen Einrichtungen, die auf eine vordefinierte Klientel mit bestimmten Problemlagen spezialisiert sind. Als niederschwelliges Angebot der Sozialarbeit will die BM Hilfesuchende erreichen, für die der Schritt zu spezialisierten Einrichtungen im Moment zu groß oder (noch) nicht notwendig ist.
Die BM widmet ihre Unterstützung Menschen mit verschiedenen, häufig in sich verflochtenen Problemen, z.B. wirtschaftlicher, psychosozialer, gesundheitlicher und/oder existentieller Art. Der/die einzelne Klient/-in wird dabei im Zusammenhang seines/ihres gesamten Lebensumfeldes gesehen und nicht allein als Träger/-in des jeweils auffälligen Symptoms.
Die exponierte Stellung der BM im sozialen Netzwerk bedingt eine generelle Zuständigkeit, in der die Einrichtung als Kontakt-, Informations- und Vermittlungsstelle tätig ist und Lebensberatung anbietet. Als kirchlicher Dienst ist BM praktizierte Nächstenliebe im persönlichen, sozialen und politischen Bereich mit Parteinahme für in Not geratene Menschen.
Die Arbeit der BM gehört demnach zu den originären Aufgaben kirchlicher Sozialarbeit.
2. Zielgruppen und Ziele
2.1. Im Reiseverkehr übernimmt die BM die Betreuung von körper- und geistigbehinderten Menschen. Sie begleitet ebenso minderjährige und ältere Personen. Darüber hinaus unterstützt sie jene Reisenden, die durch unvorhersehbare Ereignisse in Schwierigkeiten geraten sind. Ziel ist es, die Mobilität dieser Personen zu fördern bzw. weitgehend aufrecht zu erhalten.
2.2. Im Brennpunkt Bahnhof unterstützt und begleitet die BM Menschen in sozialen Notlagen, die Gefahr laufen oder sich bereits in der Situation befinden, ihren Lebensalltag nicht mehr bewältigen zu können, z.B. Menschen ohne Arbeit, ohne finanzielle Mittel, ohne Wohnung, in Beziehungskrisen, mit massiven psychischen Problemen, Suchtkranke und Drogenabhängige usw. Das Unterstützungsangebot der BM soll durch Krisenintervention oder bei Personen, die sich gegenwärtig nicht vermitteln lassen, durch begleitende Beratung dazu beitragen, dass die betroffenen Menschen fähig werden, ihre Existenz zu sichern und im Einklang mit sich und der Umwelt zu leben.
Fester Bestandteil einer erfolgreichen sozialen Arbeit mit Menschen in psychosozialen Notlagen ist die Zusammenarbeit mit
· Bezugspersonen aus dem unmittelbaren Umfeld oder aus dem weiteren sozialen Netz
· Verantwortlichen von Institutionen, die maßgeblich an der Gestaltung der persönlichen Lebensbedingungen beteiligt sind.
Besondere Bedeutung in der Arbeit mit benachteiligten und gefährdeten Personen kommt der Vernetzung innerhalb der Einrichtungen der Christophorus Gesellschaft zu.
3. Unsere Grundsätze
3.1 soziale Anwaltstätigkeit
· betroffene Menschen in ihren Lebenswelten akzeptieren
· berechtigte Interessen vertreten und bei deren Verwirklichungentsprechende Hilfestellungen geben
· vorhandene Selbsthilfekräfte fördern
3.2 unmittelbare unbürokratische Hilfe
3.3 Freiwilligkeit des/der Betroffenen bzgl. Dauer und Inhalt unserer Leistung
3.4 umfassender Datenschutz (Vertraulichkeit und Schweigepflicht)
4. Aufgabenstellung und Arbeitsweise
4.1. Damit Reisende, die durch unvorhersehbare Ereignisse in Schwierigkeiten geraten sind oder die aufgrund einer Behinderung grundsätzlich nur mit hohem Aufwand öffentliche Verkehrsmittel in Anspruch nehmen können, ihr gewünschtes Reiseziel tatsächlich erreichen, bietet die BM vor allem folgende Dienstleistungen an:
· Hilfe am Zug und Begleitung
· Aufenthalt in den Räumen der BM und Betreuung
· Vermittlung von Übernachtungen
· Ruhemöglichkeiten für Frauen und Kinder
· Information über Beförderungsmöglichkeiten und Reiseerleichterungen
· Organisation von Fahrkarten
4.2. Entsprechend der Vielfalt der Problemlagen von gefährdeten Menschen am sozialen Brennpunkt Bahnhof, die häufig ohne Bewältigungsmuster und Handlungskonzepte ihren Schwierigkeiten gegenüberstehen, gestaltet sich das Arbeitsfeld der BM.
Zum Erreichen der notwendigen Handlungsfähigkeit der Betroffenen bietet die BM folgende Unterstützungsleistungen an:
4.2.1 Beratung und Vermittlung
Besonderen Stellenwert unter den Hilfeangeboten der BM nimmt die Beratungstätigkeit ein. Sie soll einerseits die psychische und soziale Gesamtsituation des/der jeweiligen Klienten/Klientin erfassen, gleichzeitig aber auch eine den konkreten Erfordernissen angemessene Beratung leisten. Dazu gehören im einzelnen:
· Kontaktaufnahme vor Ort auch außerhalb der Räume der BM
· Information und Erstberatung über existenzsichernde Maßnahmen und soziale Leistungen
· Information über bestehende Hilfequellen des sozialen Netzes und deren Nutzung
· Clearing und Koordination der Leistungen und Hilfemöglichkeiten verschiedener Dienstleistungsorganisationen, z.B. bei unklarer oder strittiger Zuständigkeit
· sozialanwaltschaftliches Einfordern rechtlicher Leistungsverpflichtungen, Begleitung zu Ämtern und anderen sozialen Einrichtungen
· mit Wissen und Zustimmung der betroffenen Person Vermittlung an spezielle Fachdienste
Hinzu kommt bei Personen, die aufgrund der sozialen Infrastruktur oder individueller Problemlagen kurz- oder mittelfristig nicht vermittelt werden können:
· Beratung und Begleitung zur Gestaltung und Stabilisierung der persönlichen Situation
· Motivationsarbeit und Unterstützung beim Entdecken und Entwickeln eigener Fähigkeiten zur Reduzierung/Bewältigung der Notlage und beim Entwerfen einer konstruktiven Lebens- und Handlungsperspektive
· Beratung bei der Wahl der Ziele, Mittel und Wege (Hilfeplanung)
· Unterstützung beim Aufbau tragfähiger sozialer Netze
· Unterstützung beim Erlernen befriedigenden Rollenverhaltens in konkreten Lebenssituationen, z.B. bei Behördengängen, Konflikten
Was die methodischen Vorgehensweisen anlangt, orientiert sich die Sozialberatung der BM je nach Arbeitsebene an der kurzfristigen Krisenintervention oder bei komplexeren Problemstellungen an der sozialen Einzelfallhilfe. Grundlage ist unsere ganzheitliche und ressourcenorientierte Sichtweise.
4.2.2 Gewährung materieller Überbrückungshilfen
In akuten Notlagen bietet die BM Unterstützung an
· Hilfen zur Befriedigung der Grundbedürfnisse (Nahrung, Kleidung, Hygiene)
· Gewährung von Aufenthalt in ihren Räumen
· Gewährung von Ruhemöglichkeiten für Frauen und Kinder
· vorläufige Übernahme von Fahrtkosten.
Es gibt grundsätzlich keine finanzielle Unterstützung (Geldleistung) in der BM.
4.2.3 Kooperation mit anderen sozialen Institutionen und Öffentlichkeitsarbeit
Um im Interesse sozial benachteiligter Personengruppen Einfluss auf Öffentlichkeit und Institutionen der Gesellschaft zu nehmen, sehen wir weitere Aufgaben in
· der Beobachtung und Analyse von Veränderungen hinsichtlich unserer Zielgruppen
· dem Austausch und der Auseinandersetzung über konkrete örtliche Problemlagen mit anderen Institutionen
· der Öffentlichkeitsarbeit (z.B. Rundfunk-, Pressebeiträgen, Vorträge)
4.2.4 Auswertung der BM-Tätigkeit
Zur Überprüfung und Sicherung der Wirksamkeit der BM-Arbeit sind folgende Methoden im Einsatz:
· Dokumentation
· (Tages-)Statistik
· Ziel-Mittel-Überprüfung
· Teambesprechungen
· bei Bedarf Gruppen- und Einzelsupervision
Zusammengefasst favorisiert die BM Würzburg ein niederschwelliges soziales Dienstleistungsangebot, durch das die Ausgrenzung besonders benachteiligter Personen verhindert werden soll. Neben dem professionellen, systematischen Bemühen um die Veränderung von Lebenslagen geht es der Sozialberatung um die mitmenschliche Begleitung von Menschen, die keine Lebensperspektive mehr sehen und mangels eigener Kräfte auf vorbehaltlose, solidarische Unterstützung angewiesen sind.
Das Konzept der Bahnhofsmission Würzburg nimmt damit ausdrücklich Bezug auf „Das soziale Profil der Bahnhofsmissionen in Bayern“ (Arbeitsgemeinschaft der kirchlichen Bahnhofsmissionen in Bayern).
5. Personelle Ausstattung
Die Vielfalt der Aufgabenstellungen der BM, ihre besondere Bedeutung innerhalb des örtlichen Hilfeleistungsangebotes der beiden kirchlichen Wohlfahrtsverbände und die zunehmende Vernetzung zwischen kirchlichen und kommunalen Dienstleistungseinrichtungen bedürfen einer entsprechenden personellen Ausstattung der BM.
Zur Sicherung und Kontinuität der BM-Arbeit sind derzeit 3,25 Planstellen im pädagogischen Bereich besetzt. Ihnen ist eine Halbtagsstelle für eine Verwaltungskraft zugeordnet.
Darüberhinaus ermöglicht es die unterstützende Mitarbeit von rund 15 Teilzeitkräften sowie rund 20 ehrenamtlichen Mitarbeiter/-innen, dass die BM auch außerhalb der allgemeinen Öffnungszeiten anderer sozialer Einrichtungen von Hilfesuchenden erreicht werden kann. Wir sind zur Zeit 24 Stunden täglich das ganze Jahr erreichbar.
6. Räumliche und technische Ausstattung
Die räumliche und aktuelle (EDV-)technische Ausstattung der BM ermöglicht eine zeitgemäße Sozialarbeit im Rahmen der oben beschriebenen Aufgaben.
Die gegenwärtige Raumausstattung umfasst: Empfangsraum, Aufenthaltsraum, Büro für Mitarbeiter/-innen, Büro für Leitung und Verwaltung, Beratungszimmer, Kleinküche, Ruheraum mit vier Betten, Sozialraum für Personal, Gäste-WC, Personal-WC, Dusche, Technik- und Lagerraum.
7. Organisatorisches
Seit 01.10.2000 wird die BM getragen von der gemeinnützigen Christophorus GmbH, einem ökumenischen Zusammenschluss regionaler Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe, Straffälligenhilfe, Insolvenz- und Schuldnerberatung sowie der Bahnhofsmission.
Gesellschafter sind
· Caritasverband für die Diözese Würzburg e.V.
· Diakonisches Werk Würzburg der evang.-lutherischen Kirche e.V.
· Katholische Kirchenstiftung St. Johannes in Stift Haug
Ziel der Christophorus GmbH und ihrer Gesellschafter ist es, eine zeitgemäße Antwort auf die sozialen Notlagen und seelischen Krisen des heutigen Menschen zu geben. Die Christophorus Gesellschaft gibt damit ein Beispiel, wie soziale Arbeit in gelebter Ökumene (Caritas und Diakonie) und in Verbindung zur "Basis" (Pfarrei Stift Haug) künftig gelingen kann.
Würzburg, den 20. Mai 2008
Günther Purlein Michael Lindner-Jung
Geschäftsführer Einrichtungsleiter
Christophorus Gesellschaft Ökumenische Bahnhofsmission
